Wenn ich schon die Beine eines 70 jährigen habe,
dann zumindest das Outfit eines Triathleten.
Dieses Jahr habe ich mich von sogenannten "Freunden" bequatschen
lassen in ihrer Staffel mitzulaufen. Sie laufen in der Mannschaft
"Überlagerte Weggrößen", kurz ÜWG,
einem völlig sinnfreien Namen. Die Veteranen aus dieser Gruppe
haben dieses Team 1994 ins Leben gerufen. Mittlerweile sind es zwei
Teams mit 20 Läufern geworden.
Die ersten beiden Runden waren eine Qual. Vor Nervosität hatte
ich schon am Start einen Pulsschlag, als wäre ich gespurtet.
Mein Körper versuchte mir klarzumachen, dass ich besser nach
Hause fahren solle: Blasen an den Füßen von den Badelatschen
und eine schmerzende Hüfte von der Zelt-Nacht. Aber während
der dritten Runde hat mein Körper dann genügend Glückshormone
freigesetzt, so dass ich an dem ganzen Quatsch sogar Spaß
fand.
Am Wegrand zelteten die einzelnen Teams oder Zuschauer und feuerten
ihre Läufer oder ihre Favoriten an. Sie bejubelten zwar meistens
die anderen, vorwiegend die Einzelläufer, aber man kann sich
ja ruhig angesprochen fühlen und sich in den Adrinalin-Himmel
peitschen lassen. Viele Kinder am Rand verschenkten geplückte
Blümchen, andere Kinder streckten einem die Hand entgegen,
damit man sie abklatscht. Eine durchaus nette Geste, wenn sie ihre
Hand im letzten Augenblick wegziehen oder vorher reingespuckt haben...
Aber meine Hand war durch Schweiß eh viel nässer! Ätsch!

Meine besten Zeiten lief ich in den Runden, bei denen ich mit jemandem
zusammen laufen konnte. Das zeigt, dass die grösste Hürde
mental ist und sich die Knochen tatsächlich schneller bewegen
könnten. Auf meiner letzten Runde begleitete mich Aloys, unser
Haupt-Anpeitscher, für den meine Laufgeschwindigkeit die pure
Entspannung war. Er zog mich auf eine lichtgeschwindigkeitsähnliche
Geschwindigkeit, durch die ich bereits nach 8:18 Minuten im Ziel
war, meiner schnellsten Runde. Im Vergleich zu der schnellsten
Runde in unserem Team von 5:35 Minuten von Rolf noch immer ein
Spaziergang...
Leider
läuft man die meisten Runden sehr alleine. Ab und zu hörte
ich hinter mir ein trappsen, dann machte es wuuusch neben mir und
für ein paar Sekunden sah ich den Rücken der Turboläufer
aus den anderen Teams. Mit ihren knallgelben Shirts und Teamnamen
wie "Anthilopen" oder "Non Stop Ultra" zeigten
sie mir, wo es langgeht. Da kommt man sich vor, als würde
man stehen. Dass das nicht so war konnte ich merken, als ich manchmal
selber auch zum Überholen ansetzen konnte. Die meisten, die
sich von mir überholen ließen, waren Einzelläufer.
Das steigert das Selbstbewußtsein nicht übermäßig,
aber es reicht, um 1,6 km durchzuhalten. Dabei musste man gerade
in den Nacht- und Morgenstunden beim Überholen fast Angst
haben, dass man durch den Windhauch die Einzelläufer von der
Bahn bläst. Den meisten konnte man den Spaß nicht ganz
ansehen, den sie sicherlich tief im Innersten hatten. Sonst würden
sie sich das ja wohl nicht antun. Ihr Laufstil war graziös
wie bei Robotern und der Gesichtsausdruck bewegungsloser als der
von Steinstatuen. Aber es gab auch Ausnahmen. Manche sahen aus,
als würden sie mal eben zum Briefkasten joggen.
Der Haken an der Staffel ist, dass man immer wieder abkühlt
und sich immer wieder hochrappeln muß. Vor allem nachts,
wenn es dann auch noch regnet. Nach der Hälfte der Strecke
waren die Muskeln zwar dann warm, aber dafür wurde ich müde.
Sicherlich wäre es einfacher, wenn jeder eine Stunde laufen
könnte und dann der nächste dran wäre, aber es soll
ja nicht angenehm sein, sondern sportlich...
Nach unserer Strategie durfte nachts die eine Hälfte der Mannschaft
für 3 1/2 Stunden schlafen. Das bedeutet jedoch für die
anderen, dass sich ihre Pausenzeiten halbierten. Und das nachts,
wenn man besonders viel Lust aufs Laufen hat.
Aber für eines hat sich das Ganze echt gelohnt: Es ist ein
verdammt gutes Gefühl, wenn man es geschafft hat und den Schluss-Schuss
hört. Ich habe durchgehalten! Ohne Blessuren und mit größtenteils
guter Laune. Ich bin mit 20 Runden knapp 33 km gelaufen und habe
meinen Teamkollegen durch meine ca. 2 Minuten längeren Laufzeiten
als der Durchschnitt eine längere Pause beschert.
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